China Redux

„Erfahrung ist ein Vorgeschmack davon, aber nur ein Vorgeschmack; meine Erfahrung sagt ja nicht, was kommen wird, sie vermindert nur die Erwartung, die Neugierde-“ Wie ich mit einem Zitat von Max Frisch eine Reise ins Land der Mitte wagte. (Anna Stöhr)

 

China. Ein Land das in allen Bereichen vorne mitspielen will, koste es was es wolle. Technik, Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft, Sport. Warum sollte der Klettersport hier eine Ausnahme sein? Seit Jahren also fahren wir ins Land der Mitte, obgleich diese Mitte auch mit modernen Reisemöglichkeiten nicht immer leicht erreichbar ist, bestreiten Weltcups, Masters und 2009 die Kletterweltmeisterschaft in Xining. Oft wünscht man sich Europa wäre näher an Peking, bis man den Gedanken im Pekinger Smog wieder verwirft.

 

Der potente Chinesische Verband scheut keine Kosten um Wettkampfarenen auch in abgelegenen Gegenden zu errichten, pompöse Eröffnungszeremonien und Feuerwerke inbegriffen. Dafür gibt es dann bei 30ºC und Sonne pechschwarze Matten und eine Boulderwand, die unter einem Plexiglasdach steht. Man könnte die Schuld dem internationalen Verband geben, der ja eng mit dem chinesischen zusammenarbeitet und das Know-how zur Verfügung stellen sollte. Aber das zu klären wäre eine andere Geschichte.

 

Um China abseits von dubiosen Funktionärsentscheidungen und selbstgemachten Umweltkatstrophen zu erleben, fiel die Wahl einer neuerlichen Chinareise auf das älteste Klettergebiet des Landes, Yangshuo. Ich war froh über mein internationales Netzwerk aus Kletterern das ich bei Wettkämpfen aufgebaut habe und organisierte mir die e-mail Adresse eines Kletterers vor Ort. Abond war ohne Schulabschluss nach Yangshuo gekommen und hatte mit 16 Jahren in der Kletterschule angefangen Kurse zu geben. 10 Jahre später war er zum Besitzer einer Kletterschule, zwei Bars und zwei Hotels aufgestiegen. In seinen Hotels und Bars (zwei tragen seinen Namen) hängen ausschließlich Bilder von ihm. Abond ist ein lustiger, aufgeweckter Kletterer mit dem es Spaß macht, rumzuhängen, und der nicht so oft über sich redet wie seine Deko-Künste vielleicht vermuten ließen. Jeden Abend führte er uns in Restaurants, bestellte für uns und handelte anschließend den Spezialpreis aus (es ließ sich nicht verhindern). Vor allem was das Essen betrifft, machte das den Unterschied zu früheren Reisen, wo das Lustigste noch war, wenn man Huhn, Schnecken und Shrimps bekam, nachdem man dachte, erklärt zu haben man sei Vegetarier.

 

Der irre Schnellzug, dessen Gleise die Regierung in den letzten Jahren durch ganz China verlegt hat, fährt mittlerweile genau über den Flecken China, an dem einst das Haus von Abonds Opa gestanden hatte. Abond verstand nicht wirklich, warum wir fragten ob die Zwangsumsiedlung für den Opa nicht traumatisch gewesen war – ging es doch schließlich um eines der größten chinesischen Infrastrukturprojekte aller Zeiten. Der Opa hatte wohl auch sofort eingesehen, wer weichen müsste. Derweil, so erzählte uns Abond, organisierte er sich gerade die Genehmigung um einen Boulder-Pilz aufs Dach des höchsten Gebäudes in Yangshuo zu bauen. Er steht exemplarisch für das wachsende China. Yangshuo ist eine einzige pulsierende Baustelle, und Abond ist mittendrin.

 

Ohne Übertreibung kann man sagen, dass Tourismus und Wachstum hier nicht nur Politik und Küche, sondern so gut wie alles bestimmen. Das Angebot aus Rundfahrten mit Booten, Mopeds, Rädern und Sammeltaxis ist enorm, Hotels werden im Wochentakt gebaut und abgerissen.

 

Wenn die Schlaghämmer und Abrissbirnen ihre Arbeit einstellen, wandelt sich Yangshuo von einer Baustelle zu einer Ausgeh-Destination. Vor jeder Bar steht ein menschlicher Lockvogel, der daheim sofort als Clown durchgehen würde. Drinnen shaken enthemmte Tänzerinnen bei verrückten Lichtshows und ohrenbetäubender Musik. Abgesehen vom Jetlag und einer schleichenden Reizüberflutung aus Gerüchen, Menschenmengen und unaufhörlichem Lärm waren wir anfangs vor allem von der schwülen Hitze gezeichnet. Ein Regentag brachte einen Temperaturumschwung von 20° Celsius, tauchte die Hügel in ein sanftes Nebelbett und bescherte uns ideale Kletterbedingungen.

 

Nach so vielen Kletterjahren und Reisen habe ich oft das Gefühl alles schon gesehen zu haben. Der Reiz liegt für mich dann im Umfeld, den neuen Kulturen und den Menschen vor Ort. Blicke ich auf die Reisen mit umwerfenden Landschaften und spektakulären Felsformationen zurück so reiht sich Yangshuo hier weit vorne ein. Die an Gewürzhügel erinnernden Berge bestimmen die Kulisse. Fallen sie steil genug ab, so ragen aus dem dichten Bewuchs Felsen hervor. Es gibt auch eine Vielzahl aus Höhlen und Felsbögen die sich mit ihren stark ausgeprägten Kalksintern ideal zum Klettern eignen.

 

Die letzten Tage verbrachten wir in Hongkong. Will man Platzmangel und Wohnungsnot verstehen so buche man sich dort ein Hotelzimmer. Der Zustieg führt per U-Bahn- und Taxi durchs Zentrum. Schnell steht man an den steilen Hügeln des Victoria Peak und kann sich einen Überblick über diese unglaublich zusammengepferchte Metropole machen. Man sieht gefühlte hunderttausend Häuser, aber keinen Meter Straße. Die Auswahl an Klettermöglichkeiten ist nicht groß aber von guter Qualität. Wolkenkratzer auf Augenhöhe sorgen für ein bizarres Ambiente.

 

Eigentlich wollte ich das Land nicht mehr für Wettkämpfe besuchen, auch weil ich seit einem Jahr nur mehr bei ausgewählten Bewerben starte. Dieser Trip nach Yangshuo und Hongkong bewegte mich aber dazu, im Frühjahr 2017 wieder die Weltcups in China zu starten. Chongqing, der erste Stopp der Asien Tour, verlief gut und ich kletterte ins Finale. Eine Woche darauf in Nanjing war das halbe Team an Magen-Darm Virus erkrankt, die Organisation war mangelhaft und auch sonst erinnerte alles an frühere Wettkämpfe im Reich der Mitte. Ich werde dem Land gerne wieder einen Besuch abstatten. Zu groß ist die Neugier nach Klettermöglichkeiten. Aber einen weiteren Wettkampf in China? Nein Danke!

 

 

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